TUD

Institut für Akustik und Sprachkommunikation

Geschichte des Instituts

Rolf Dietzel

Technische Akustik an der Technischen Hochschule Dresden von 1911 bis 1950

Aufbau des Instituts für Schwachstromtechnik durch H. Barkhausen

1911 wurde Heinrich Barkhausen an die Technische Hochschule Dresden berufen, zunächst als außerordentlicher Professor für elektrische Meßkunde, Telegraphie und Telephonie (mit besonderer Betonung der theoretischen Grundlagen) sowie für Theorie der elektrischen Leitungen. Er gründete an der TH Dresden das Institut für Schwachstromtechnik, dessen Leitung ihm übertragen wurde. Hierzu bemerkte er später:
"Das war von der Technischen Hochschule eine außergewöhnliche, fortschrittliche Tat; denn die wissenschaftliche Schwachstromtechnik war damals in ihrem Anfangsstadium und ihre Lehre beschränkte sich an den Hochschulen auf eine Beschreibung der gewöhnlichen Telephon- und Telegraphenanlagen der deutschen Reichspost. ... Ich hatte das große Glück, in Dresden volles Verständnis für diese meine Ideen zu finden und dort ein Institut gründen zu können ganz nach meinen eigenen Wünschen. Ein solches Institut für Schwachstromtechnik war damals an den deutschen Hochschulen - und ich glaube auch an Hochschulen aller anderen Länder - etwas ganz Neues. Es gab noch nicht einmal ein schwachstromtechnisches Lehrbuch und ... die Lehrmethoden mußten neu geschaffen werden." [1]
Zunächst hatte H. Barkhausen nur einen halbtags beschäftigten Hilfsassistenten. Für Werkstattarbeiten zum Aufbau von Vorlesungs- und Praktikumsversuchen konnte er die Unterstützung vom Elektrotechnischen Institut, dessen Leiter Prof. Johannes Görges war, in Anspruch nehmen. Die Arbeitsräume des Instituts für Schwachstromtechnik befanden sich ebenfalls im Gebäude des Elektrotechnischen Instituts, dem heutigen Görges-Bau. 1913 erhielt H. Barkhausen für sein Institut eine volle Assistentenstelle und einen Mechaniker, Georg Wunderlich, der bis 1954 Leiter der Institutswerkstatt war und von allen Institutsmitarbeitern und Studenten besonders wegen seiner hohen Ordnungs- und Qualitätsmaßstäbe sehr respektiert wurde.

Die von H. Barkhausen ab 1911 angebotenen Lehrveranstaltungen umfaßten Fernsprechtechnik, drahtlose Telegraphie, Meßtechnik und das Schwachstrom-Praktikum. Ein Jahr später kamen noch die Vorlesungen zur Theorie der Leitungen sowie über elektrische und mechanische Schwingungen hinzu, das Schwachstrom-Praktikum wurde erweitert. Bereits damals gehörte die Behandlung elektroakustischer Wandler (z.B. Telefonhörer, Mikrofone) zum Lehrprogramm der Vorlesungen und Praktika.

Während des ersten Weltkriegs (1914 - 1918) wurde H. Barkhausen ab 1915 als "wissenschaftlicher Hilfsarbeiter" zur Marineinspektion des Torpedo- und Minenwesens in Kiel verpflichtet. An der Technischen Hochschule Dresden übernahmen die Professoren Johannes Görges (Elektrotechnisches Institut) und Heinrich Möllering (Institut für Telegraphie und Eisenbahnsignalwesen) vertretungsweise seine Lehrverpflichtungen.

In Kiel befaßte sich H. Barkhausen zunächst mit umfangreichen Messungen zur Schallausbreitung im Meer und mit der Untersuchung von elektromagnetischen Unterwasser-Schallsendern (im Frequenzgebiet zwischen 500 Hz und 1,2 kHz), um deren Schalleistung zu erhöhen. Bei den erstgenannten Arbeiten, die er vielfach gemeinsam mit Hugo Lichte durchführte, ging es um die Messung des Schalldruckes in Abhängigkeit von der Entfernung vom Schallsender, um den Einfluß der Wassertiefe, der Temperaturschichtung sowie des Salzgehaltes vom Wasser auf die Ausbreitungsdämpfung [2] [3] [4].

Die in Kiel begonnenen Arbeiten über Wandler zum Senden und Empfangen von Wasserschall hat H. Barkhausen später nicht wieder aufgegriffen. Sie sind von anderen Autoren, u.a. von H. Lichte, W. Hahnemann und H. Hecht weitergeführt worden.

Ab 1917 widmete sich H. Barkhausen, ebenfalls bei der Marineinspektion in Kiel, einer systematischen Untersuchung der Wirkungsweise und Eigenschaften von Elektronenröhren. Mit bahnbrechenden experimentellen und theoretischen Arbeiten betrat er jenes Forschungsgebiet, das für sein gesamtes weiteres Lebenswerk prägend wurde und ihm im In- und Ausland hohe Anerkennung brachte, vgl. z.B. [1].

Erste wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlichte er zunächst in Form von Vorträgen und kurzgefaßten Manuskripten für einen kleinen Mitarbeiterkreis. 1918 gab das damalige Reichs-Marine-Amt eine gedruckte zweiteilige Dienstschrift mit dem Titel "Die Vakuumröhre in der drahtlosen Telegraphie" heraus, in der der Name des Autors jedoch nicht genannt wurde [5],[6]. Diese Dienstschrift war außerdem nur einem eng begrenzten Leserkreis zugänglich.

Am 1. 4. 1918 erhielt H. Barkhausen die Berufung zum ordentlichen Professor für Schwachstromtechnik an der Technischen Hochschule Dresden. Er blieb zunächst weiterhin in Kiel, konnte nach Kriegsende im Dezember 1918 an sein Institut für Schwachstromtechnik in Dresden zurückkehren und die zweite Phase des Institutsaufbaus beginnen. Nachdem die kriegsbedingten Publikationsbeschränkungen weggefallen waren, veröffentlichte er die inzwischen gewonnenen Ergebnisse seiner intensiven Forschungsarbeiten.

Eine der führenden deutschsprachigen Zeitschriften für Hochfrequenztechnik und die angrenzenden Fachgebiete war das "Jahrbuch der drahtlosen Telegraphie und Telephonie sowie des Gesamtgebietes der elektromagnetischen Schwingungen", das 1907 gegründet worden war. Dieses Periodikum erschien ab 1920 mit dem Titel "Jahrbuch der drahtlosen Telegraphie und Telephonie sowie des Gesamtgebietes der Hochfrequenztechnik", ab 1922 mit dem Untertitel "Zeitschrift für Hochfrequenztechnik", ab 1924 mit dem Haupttitel "Zeitschrift für Hochfrequenztechnik" und dem Untertitel "Jahrbuch der drahtlosen Telegraphie und Telephonie", ab 1932 bis 1971 mit dem Haupttitel "Hochfrequenztechnik und Elektroakustik" und dem gleichen Untertitel.

In diesem "Jahrbuch ..." publizierte H. Barkhausen unter Hinweis auf die frühere von ihm verfaßte Dienstschrift [5] [6] des Reichs-Marine-Amtes seine dreiteilige Arbeit "Die Vakuumröhre und ihre technischen Anwendungen" [7]. Darauf aufbauend entstand schließlich ab 1923 seine vierbändige Monografie "Elektronenröhren und ihre technischen Anwendungen". Sie wurde für mehrere Generationen von Elektronikingenieuren eines der wesentlichsten Lehrbücher und ist bis 1969 in zahlreichen, von ihm selbst und später von seinem Schüler Eugen-Georg Woschni in immer wieder überarbeiteten Auflagen erschienen. Von diesem Standardwerk kamen außerdem Übersetzungen heraus: 1925 und 1932 ins Russische, 1931 - 1934 ins Japanische, 1933 -1939 ins Französische und 1947 ins Bulgarische. Eine vollständige Bibliografie ist in der Festschrift [1] von 1981 aufgeführt.

Weitere grundlegende Veröffentlichungen betrafen Effekte, die H. Barkhausen während seiner Tätigkeit in Kiel entdeckt hatte [8] [9]. Sie wurden später zum Ausgangspunkt intensiver Forschungen mit bedeutenden theoretischen Schlußfolgerungen und weitreichenden technischen Anwendungen. Dazu gehörte die Erzeugung extrem hoher Frequenzen durch die Ausnutzung des Laufzeiteffekts der Elektronen im Röhreninneren, die ihm gemeinsam mit Karl Kurz 1917 erstmals gelang (Barkhausen-Kurz-Schwingungen) [8].

Weiterhin entdeckte er - ebenfalls 1917 - die sprunghaft ablaufenden Ummagnetisierungen in ferromagnetischen Werkstoffen (Barkhausen-Effekt). H. Barkhausen schilderte 35 Jahre später, wie er zu dieser Entdeckung gekommen war [10].
"Wie bei den meisten ähnlichen Effekt-Entdeckungen spielte auch hier der Zufall eine Rolle: Hauptsache ist, daß man sich im rechten Moment darüber wundert und erkennt, daß es sich um nichts Alltägliches handelt."
Um fahrende Schiffe, besonders Unterseeboote, vor der Kieler Hafeneinfahrt zu orten, wurde 1917 im Wasser ein Kabel verlegt, an dem ein Röhrenverstärker mit einem Telefonhörer an seinen Ausgangsklemmen angeschlossen war. Sobald ein stählerner Schiffskörper sich über das Kabel bewegte, wurden darin regellose elektrische Spannungen induziert, die - etwa um 80 dB verstärkt - als an- und abschwellendes Rauschen im Telefon hörbar waren. - "Um nun diese Einrichtung auf ihr richtiges Arbeiten zu prüfen, schalteten wir statt des Kabels eine Spule ein und bewegten statt des eisernen Schiffes einen angeschlagenen permanenten Magneten dagegen. Als ich dann einmal zur Verstärkung der Wirkung einen Eisenkern in die Spule steckte, hörte ich bei jeder Bewegung auch des nicht angeschlagenen Magneten ein ganz merkwürdiges Geräusch. Da wunderte ich mich darüber. Denn es war mir gleich klar, daß es sich um einen neuartigen Effekt handeln müsse, der nicht in den Verstärkern seine Ursache haben könne, die damals noch sehr unvollkommen waren und manchmal zu überraschenden Störungen Anlaß gaben." [10]
In einer 1924 erschienenen Mitteilung befaßte sich H. Barkhausen mit weiteren Versuchen hierzu, die die Frage klären sollten, mit welcher Geschwindigkeit die Magnetisierungen der einzelnen magnetischen Bezirke (später erhielten sie die Bezeichnung Weiss-sche Bezirke) bei einer Feldänderung umklappen und wie groß diese Bezirke etwa sind. [11]

Lehrgebiete und Forschungsarbeiten von H. Barkhausen zwischen 1918 und 1928

Kurz nach der Rückkehr aus Kiel stellte H. Barkhausen im Dezember 1918 mit einer Broschüre [12] sein Institut für Schwachstromtechnik an der Technischen Hochschule Dresden vor. Der Text erschien wenig später außerdem in der Elektrotechnischen Zeitschrift [13]. Darin beklagt er, daß der Schwachstromtechnik in Fachkreisen, insbesondere auch an den deutschen Technischen Hochschulen, eine viel zu geringe Bedeutung beigemessen werde. Es herrsche Unklarheit darüber, daß sich die Schwachstromtechnik (heute beschreibt man das Fachgebiet mit dem Begriff Informationstechnik) wesentlich von der Starkstromtechnik (heute als Elektroenergietechnik bezeichnet) unterscheidet und eine eigene, andersartige Ausbildung verlange. Die Schwachstromtechnik erstrebt in einem Übertragungssystem eine möglichst hohe Empfangsleistung, arbeitet also möglichst bei Anpassung (Ra = Ri, Ra = Abschlußwiderstand eines Stromkreises, Ri = Innenwiderstand der Quelle). Die Starkstromtechnik dagegen erfordert einen hohen Wirkungsgrad, arbeitet also quasi im Leerlauf (Ra >> Ri).

Nach Aufzählung der wesentlichen Aufgabengebiete der Schwachstromtechnik geht H. Barkhausen auf das Lehrangebot seines Instituts näher ein. Dazu gehörten damals, d.h. 1918/1919: Drahtgebundene Telegraphie und Telephonie, drahtlose Telegraphie, elektrische Meßkunde, Theorie der Leitungen; weiterhin die Spezialgebiete Ein- und Ausschaltvorgänge in elektrischen Stromkreisen, elektrische und mechanische Schwingungsvorgänge sowie Resonanzerscheinungen. Zur anschaulichen Interpretation fast aller behandelten Sachverhalte sind in seinen Lehrveranstaltungen zahlreiche Experimente vorgesehen. Besonders hierauf legte H. Barkhausen zeitlebens großen Wert und hat seine Versuchsanordnungen ständig vervollkommnet bzw. neue hinzugefügt.

In einer schon 1913 erschienenen Veröffentlichung beschrieb er beispielsweise ein mechanisches Demonstrationsmodell für Wellenvorgänge [14]. Es besteht aus einem 2 m langen, gespannten dünnen Draht, auf den in regelmäßigen Abständen längere Blechstreifen quer aufgelötet sind. Mit diesem eindimensionalen Wellenleiter für Torsionsschwingungen lassen sich sowohl stehende Wellen bis zur 5. Oberschwingung sehr anschaulich sichtbar machen als auch die Ausbreitungsvorgänge nach einer stoßförmigen Angegung.

Auch dem Praktikum widmete er von Anfang an große Aufmerksamkeit und nennt in der erwähnten Broschüre [12] folgende Auswahl von Versuchsaufgaben:

  • Statische und dynamische Untersuchungen an Relais
  • Ein- und Ausschaltvorgänge in Stromkreisen mit Spulen, Kondensatoren und Widerständen
  • Frequenzabhängigkeit der Fernsprechströme; Verzerrungen der Sprachwiedergabe; Übertragungsfaktor verschiedener R-L-C-Netzwerke
  • Messungen an Schwachstromtransformatoren mit Wheatstonebrücken
  • Komplexer Widerstand von Spulen ohne und mit Eisenkern
  • Messung kleiner Wechselströme mit dem Thermoelement
  • Wellenbildung und Überspannungen auf Leitungen.

Als wesentliches Arbeitsgebiet nennt er die systematischen Untersuchungen an Elektronenröhren und ihren Anwendungen in der Schwachstromtechnik.

Neben der intensiven Arbeit zu den Grundlagen und Anwendungen der Elektronenröhre hat sich H. Barkhausen mit der systematischen Erforschung und einheitlichen Beschreibung von Schwingungsvorgängen in akustischen und mechanischen Systemen befaßt. Die Grundlagen hierzu schuf er mit seiner Dissertation über "Das Problem der Schwingungserzeugung mit besonderer Berücksichtigung schneller elektrischer Schwingungen", die er an der Universität Göttingen bei Prof. Th. Simon anfertigte und 1906 verteidigte [15].

Bereits in dieser Arbeit weist er im einleitenden Kapitel darauf hin, daß zwischen den elektrischen und mechanischen Größen in schwingungsfähigen Systemen enge Analogiebeziehungen bestehen. Nach einer kurzen Übersicht hierzu bemerkt er:
"Es ist klar, daß man bei einer so weit gehenden Analogie in den Grundbegriffen auch mancherlei Ähnlichkeiten in den tatsächlich eintretenden Erscheinungen erwarten kann." [15, S. 3]
Diese Anwendung der aus der Elektrotechnik geläufigen schaltungstechnischen Methode für die Analyse des zeitlichen Verhaltens von mechanischen und akustischen Systemen hat sich in den folgenden Jahrzehnten als außerordentlich fruchtbar und ausbaufähig erwiesen. Der Grundgedanke beruht auf folgenden Tatsachen.

Mechanische und akustische Systeme können als Netzwerkmodelle mit konzentrierten Bauelementen dargestellt werden, die wie elektrische Schaltungen aufgebaut sind. Sie lassen sich mit den Rechenmethoden der elektrischen Netzwerk- und Systemtheorie behandeln. Durch die analoge Zuordnung der elektrischen Netzwerkkoordinaten (Strom, Spannung) zu den Koordinaten in mechanischen Systemen (Kraft, Geschwindigkeit) oder in akustischen Anordnungen (Volumenstrom, Druck) können solche Systeme als elektrische Ersatzschaltungen abgebildet werden. Deren dynamische Übertragungseigenschaften lassen sich mit den besonders gut problemangepaßten Analyseverfahren für elektrische Netzwerke berechnen oder mit entsprechenden analogen Schaltungen experimentell untersuchen.

Bei der Zuordnung der mechanischen Koordinaten zu den elektrischen sind zwei Analogien (I bzw. II) möglich. Den Bauelemente-Gleichungen eines mechanischen Netzwerkes aus Massen m, Federn (Nachgiebigkeit n) und Reibungen (Reibungsimpedanz r) entsprechen dann beispielsweise die im folgenden aufgeführten Bauelemente-Gleichungen des jeweils analogen elektrischen Netzwerkes aus Spulen (Induktivität L), Kondensatoren (Kapaztät C) und Widerständen (R) ( Zuordnungssymbol).

H. Barkhausen hat in seiner Dissertation [15] und anderen frühen Arbeiten [16], [17] die Analogie I benutzt.

Sein späterer Schüler, Prof. Walter Reichardt (Gründer des Instituts für Elektro- und Bauakustik der Technischen Hochschule Dresden) hat aus wohlbegründeten didaktischen Erwägungen der Analogie II den Vorzug gegeben. In dieser Analogie II bleibt die elektrische Ersatzschaltung isomorph zum mechanischen Netzwerk: Mechanische Bauelemente, die sich in einer realen Anordnung mit der selben Geschwindigkeit v bewegen, sind in der dazu analogen Ersatzschaltung parallel geschaltet; mechanische Bauelemente, die mit der selben Kraft F verformt werden, sind in der Ersatzschaltung in Reihe geschaltet. Die Analogie II ist also schaltungstreu.

Als besonders problemangepaßt und tragfähig bewährt sich die methodisch konsequente Vorgehensweise mit den elektromechanischen Analogien und den aus der physikalischen Beobachtung ableitbaren Ersatzschaltbildern bei der einheitlichen Behandlung von elektromechanischen Wandlern. In derartigen passiven Wandlern sind immer Wechselwirkungen zwischen den elektrischen und mechanischen Koordinaten vorhanden. Im elektrodynamischen Wandler (Lautsprecher-Antriebssystem) beispielsweise ist die Kraft auf die im Luftspalt eines Magnetsystems angeordnete Schwingspule linear mit dem Strom durch die Spule verknüpft und die Leerlaufspannung an den Klemmen der Schwingspule linear von der Geschwindigkeit der Spule abhängig. Die beiden Verknüpfungsgleichungen lassen sich durch einen passiven, umkehrbaren Vierpol interpretieren, der sich zwischen elektrischem und mechanischem Netzwerk befindet. Die Verkopplung kommt über das Magnetfeld im Luftspalt des Wandlers zustande. - In anderen elektromechanischen Wandlertypen sind die mechanischen Koordinaten über ein elektrisches Feld mit den elektrischen Koordinaten wechselseitig verkoppelt, z.B. in elektrostatischen oder piezoelektrischen Wandlern. Auch hier läßt sich ein passiver, umkehrbarer Kopplungsvierpol als schaltungstechnische Interpretation für die entsprechenden Verknüpfungsgleichungen einführen.

Mit dem systematischen Ausbau und der vertiefenden Erweiterung der schaltungstechnischen Methode auf elektromechanische Kontinua (Wellenleiter) haben Jahrzehnte später u.a. Schüler von H. Barkhausen auf diesem Teilgebiet der Informationstechnik wesentliche Beiträge geleistet, z.B. W. Reichardt und dessen Schüler A. Lenk.

Die grundlegenden theoretischen und experimentellen Ergebnisse in der bereits zitierten Dissertation von H. Barkhausen [15] hatten zur Folge, daß er 1911 aufgefordert wurde, für das 11-bändige Handwörterbuch der Naturwissenschaften [16] die umfangreichen Beiträge zu den Themen "Schwingende Bewegungen", "Schwingende Systeme" und "Schwingungserregung" auszuarbeiten. Prof. H. Th. Simon, Göttingen, - Barkhausens Doktorvater - gehörte zu den Herausgebern des Handwörterbuches. H. Barkhausen hat diese Beiträge 1932 für eine zweite Auflage entsprechend dem Erkenntnisstand umgearbeitet. Außerdem veröffentlichte er im gleichen Jahr die Beiträge in Buchform als "Einführung in die Schwingungslehre" [17]. Darin versucht er, dem seinerzeit von ihm festgestellten Bedürfnis entgegenzukommen "nach einem Buch, das in möglichst elementarer und anschaulicher Weise tiefer in das Wesen des Schwingungsvorganges einzudringen sucht, als es in den Lehrbüchern zu geschehen pflegt." (Vorwort zur 2. Auflage 1940)

Seine methodisch und didaktisch ausgereifte Darstellung zeigt, daß er diesem Anspruch in hohem Maß gerecht wurde. Er sprach einen breiten Leserkreis an, das Buch erschien zu seinen Lebzeiten in 5 Auflagen und letztmalig 1958 in einer von E.-G. Woschni (TH Chemnitz) durchgesehenen 6. Auflage. Darin behandelt er elektrische, mechanische und akustische Schwingungen gleichberechtigt nebeneinander, weist auf die vielfachen Analogien zwischen ihnen hin, formuliert klar und anschaulich die grundlegenden Begriffe und physikalischen Vorgänge. Das Buch ist auch für Leser verständlich, die mit der Differentialrechnung nur wenig vertraut sind.

Untersuchungen zur Hörempfindung und Lautstärkemessung

Als H. Barkhausen seine Lehrtätigkeit in Dresden begann (1911), war in der Fernsprechtechnik die Elektroakustik das am weitesten ausgebaute Teilgebiet der Technischen Akustik. Die ständig vervollkommnete Elektronenröhre machte es möglich, Verstärker, Generatoren und andere Geräte auch für niederfrequente Signale zu bauen. Dadurch konnte die akustische Meßtechnik erheblich verbessert und ausgebaut werden. Es gelang, extrem kleine Schalldrücke in nahezu beliebigen Frequenzgebieten aufzunehmen, sie in elektrische Signale umzuwandeln und diese zu verstärken, zu übertragen, zu speichern und nach erneuter Wandlung als Schall abzustrahlen.

H. Barkhausen hat diese Möglichkeiten frühzeitig erkannt und in seinem Institut zahlreiche grundlegende akustische bzw. elektroakustische Forschungsarbeiten durchgeführt. Einen besonderen Rang nehmen dabei seine Untersuchungen zur Hörempfindung und Lautstärkemessung ein. Bereits 1924 erschien von ihm und seinem Mitarbeiter G. Lewicki eine Arbeit über die Empfindlichkeit des Ohres für nichtsinusförmige Töne [33]. Das Ohr wurde sowohl mit sinusförmigen als auch mit rechteck- bzw. dreieckförmigen Schalldruck-Zeitfunktionen über Telefonhörer (unterschiedlicher Bauart) beschallt. Der Speisestrom des Telefonhörers, bei dem die Hörempfindung grade beginnt (Hörschwelle), wurde bei verschiedenen Frequenzen gemessen. Der Kehrwert dieses Speisestroms wurde im logarithmischen Maßstab über der Frequenz (ebenfalls in einem logarithmischen Maßstab) aufgetragen. Frühere Messungen von Max Wien (1902) zur Hörbarkeit von Sinustönen konnten bestätigt werden. Die weiteren Ergebnisse zeigen, daß beim Hören von Klängen, die aus mehreren Spektralkomponenten zusammengesetzt sind, Effekte auftreten, die später als Verdeckungseffekte erkannt und begründet werden konnten.

Eins der bis 1925 ungelösten Probleme der Technischen Akustik war es, die Lautstärke beliebiger Schallereignisse zu messen und den Zusammenhang zwischen der vom Menschen subjektiv empfundenen Lautstärke eines Schalles und dem physikalisch gemessenen Schalldruck aufzuklären. Daß dieser Zusammenhang sehr stark von der Frequenz des Schalles abhängt und daß sich diese Frequenzbewertung noch mit steigender Schalldruckamplitude ändert, war aus früheren Untersuchungen bekannt, aber nicht quantitativ präzisiert.

Es ist das Verdienst von H. Barkhausen, für die Lautstärke ein geeignetes Meßverfahren und eine Maßeinheit - das phon - geschaffen zu haben. Die wesentlichen seiner Ergebnisse zur Messung der Lautstärke beliebiger Schallereignisse hat H. Barkhausen 1926 zunächst in mehreren Vorträgen veröffentlicht, die dann im gleichen Jahr bzw. 1927 in Zeitschriften erschienen [18] [19] [20].

Das neuartige Meßverfahren beruht auf dem Prinzip des Hörvergleichs zwischen der Lautstärke des zu messenden Schalls mit der einstellbaren Lautstärke eines Vergleichstones. H. Barkhausen hatte festgestellt: "Beim Verändern des Vergleichstones findet man ohne weiteres einen Bereich, wo der Vergleichston bestimmt lauter und einen zweiten, wo er bestimmt leiser ist als der zu messende Schall. Nach einigem Probieren ergibt sich, daß diese Bereiche ziemlich eng aneinander stoßen, so daß die Lautstärkengleichheit ziemlich scharf festgestellt werden kann." [19] Außerdem ist es möglich, mit dem einen Ohr den zu messenden Schall aufzunehmen und an das andere Ohr einen Kopfhörer mit dem einstellbaren Vergleichsschall anzudrücken. Bei unterschiedlicher Empfindlichkeit beider Ohren wird abwechselnd gemessen, und beide Ergebnisse werden gemittelt.

Als Vergleichston benutzte Barkhausen zunächst den mit einem Unterbrecher (Summer) erzeugten Klang mit der Grundfrequenz f = 800 Hz, dessen Amplitude mit einem logarithmisch geteilten Potentiometer (Stufenwiderstand) einstellbar war. Zunächst unterteilte er den Lautstärkebereich und damit das Potentiometer in 15 Stufen, die zwischen Hörschwelle und Schmerzempfindung einstellbar sind. Das entspricht etwa der zunächst von ihm beobachteten Anzahl von unterscheidbaren Lautstärkestufen. In die Kalibrierung des Gerätes geht der Übertragungsfaktor des benutzten Kopfhörers ein.

In den ersten Veröffentlichungen schlug H. Barkhausen zwei mögliche Einheiten für die gemessenen Größen - den Schalldruck und die Lautstärke - vor.

Die physikalische Größe, d.h. eine dem gemessenen Schalldruck
proportionale Größe, sollte die Einheit Wien erhalten: Der Schalldruck an der Hörschwelle beträgt 1 Wien, derjenige an der Schmerzgrenze 32 000 Wien. Der Quotient aus beiden (von Barkhausen) gemessenen Schalldrücken entspricht in heutiger Bezeichnungsweise einem Dynamikumfang von etwa 90 dB. Das Dezibel ist erst später als Kennzeichnung für logarithmierte Größenverhältnisse eingeführt worden.

Mit dem Vorschlag für die Einheit Wien wollte H.Barkhausen die Verdienste von Max Wien (1866 - 1938) würdigen. Er hatte in Berlin 1888 bei Hermann v. Helmholtz und August Kundt mit einer Arbeit über die Empfindlichkeit des Ohres für Töne unterschiedlicher Frequenz promoviert und sich auch später in Aachen und Danzig sowie nach seiner Berufung (ab 1911) an die Universität Jena u.a. mit akustischen Untersuchungen befaßt.

An Hand der experimentellen Ergebnisse fand H. Barkhausen auch näherungsweise bestätigt, daß die physikalische Größe - der Schalldruck - exponentiell ansteigen muß, wenn die Empfindungsgröße Lautstärke gleichmäßig zunehmen soll, daß also auch hierfür annähernd das Weber-Fechnersche Gesetz gilt: Die Empfindungsstärke ist gleich einer Konstante multipliziert mit dem Logarithmus der normierten physikalischen Anregungsgröße.

Für diese Lautstärke-Skala schlug H. Barkhausen 1926 als erster die Einheit phon vor. Sie wird heute noch verwendet. Zunächst wählte er für die Vergleichs-Skala der Lautstärke in phon den Logarithmus zur Basis 2, weil eine Schalldruckverdopplung vom Ohr als eine deutlich erkennbare Lautstärkeänderung empfunden wird.

Erst 1932 wählte man den 20-fachen Logarithmus zur Basis 10 für die Vergleichs-Skala der Lautstärke mit der Einheit phon und als Frequenz des Vergleichstons f = 1 kHz. Die noch heute gültige Definition für den Lautstärkepegel [21] stimmt im wesentlichen mit den von H. Barkhausen geschaffenen Grundlagen überein:
"Der Lautstärkepegel eines Schalles beträgt n phon, wenn von normalhörenden Beobachtern dieser Schall (Objektschall) als gleich laut beurteilt wird wie ein Sinuston mit der Frequenz 1000 Hz und dem Schalldruckpegel n dB, der als ebene fortschreitende Schallwelle genau von vorn auf den Beobachter trifft (Standardschall)."
Der Schalldruckpegel L ist heute definiert durch L = 10 lg dB, wobei die Bezugsgröße = 2 · 10-5 Pa und dB das Hinweiszeichen für den Namen Dezibel ist [22]. In der heutigen Terminologie benutzt man den zutreffenderen Begriff Lautstärkepegel anstelle des früher gebräuchlichen, umgangssprachlichen Begriffs Lautstärke.

Der erzielbaren Meßunsicherheit bei der Ermittlung des Lautstärkepegels widmete H. Barkhausen von Anfang an große Aufmerksamkeit. Er fand, daß man relative Schalldruck-Unterschiede nur mit einer Unsicherheit von 15 % feststellen kann, das entspricht einer Änderung des Schalldruckpegels um 1,2 dB.

In der Veröffentlichung [19] über den Lautstärkemesser sind Ergebnisse weiterer grundlegender akustischer Untersuchungen zu finden. H. Barkhausen konnte die Abnahme des Schalldruckes mit der Entfernung r von der Schallquelle im Freien proportional zu 1/r bestätigen und für einen schwach gedämpften Raum die Abnahme mit 1/r nur in der Nähe der Quelle bis zu einer Entfernung von etwa rH = 2 m messen, danach bleibt der Schalldruck konstant, wie es theoretisch zu erwarten ist (man bezeichnet rH in heute üblicher Terminologie als Hallabstand). In der gleichen Arbeit findet man außerdem die Richtcharakteristik für den von einem Lautsprecher abgestrahlten Schalldruck bei unterschiedlichen Frequenzen und die gemessene Richtcharakteristik des vom Ohr empfangenen Schalldruckes für zwei Frequenzen.

Den Frequenzgang vom elektroakustischen Übertragungsfaktor eines Lautsprechers ohne und mit einem angesetzten Trichter hat er im Freien gemessen sowie mit einem breitbandigen Anregungsgeräusch die Schalldämmung (in phon) einer Wand, einer geschlossenen Tür und verschieden schwerer Vorhänge in der Türöffnung. Zur Abrundung teilt er die Lautstärken von unterschiedlchen Maschinen, Motoren und alltäglichen Schallquellen mit. Aus der Aufzählung geht hervor, daß H. Barkhausen sich der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des von ihm vorgeschlagenen Meßverfahrens bewußt war und dies an ausgewählten Beispielen demonstrieren konnte. Mit der gleichen Gründlichkeit bearbeitete er in den nachfolgenden Jahren eine Reihe weiterer akustischer Fragestellungen mit weitreichender praktischer Bedeutung.

Den Lautstärkemesser hat H.Barkhausen 1925 zum Patent angemeldet. Nach langwierigem Schriftwechsel mit dem Reichspatentamt Berlin wurde ihm 1927 das Patent "Akustische Vergleichsvorrichtung" erteilt [23]. Die Firma Siemens & Halske, Berlin, hat das Gerät ab 1927 gebaut als "Geräuschmesser für die Praxis (Phonometer) nach Barkhausen" [24]. Zur Kalibrierung des eingebauten Generators für den Vergleichschall bzw. Standardschall (Unterbrecher, mit 4,5 V-Batterie betrieben) diente eine an einer zweiten Sekundärwicklung des Ausgangstransformators angeschaltete Glimmlampe: Ein Potentiometer mußte so eingestellt werden, daß die Zündspannung der Glimmlampe gerade erreicht war.

Das Lautstärke-Meßgerät wurde mehrfach verbessert. Zahlreiche Wissenschaftlier nutzten es für weiterführende Untersuchungen [25]. Die Kurven gleicher Lautstärkepegel - sie heißen Isophonen - wurden mit vielen Versuchspersonen gemessen. Ihr Verlauf ist frequenzabhängig und außerdem vom Lautstärkepegel abhängig. Die praktische Messung, der Hörvergleich mit dem Vergleichston, barg bei fehlender Übung noch Meßunsicherheiten, die es zu verringern galt. Seit den dreißiger Jahren konnten die elektroakustischen Geräte (Mikrofon, Verstärker, Filter) erheblich verbessert werden, so daß schließlich objektive Schallpegel-Meßgeräte gebaut und erprobt wurden. Über die Anfänge dieser Entwicklung berichtete 1941 W. Janovski in einer Übersichtsarbeit [25]. Einen umfassenden Rückblick auf die jahrzehntelangen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Bewertung von Schall hat W. Reichardt 1981 gegeben [26].

Akustische Forschung im Institut für Schwachstromtechnik bis 1941

Die Ausbildung von Elektrotechnikern an der Technischen Hochschule Dresden erfolgte seit Jahrzehnten (etwa ab 1876 - 82) in der Mechanischen Abteilung. Eine neue Gliederung der Technischen Hochschule Dresden in Fakultäten gab es erst ab 1940.

Im Studienjahr 1928/29 enthielt der Studienplan für Elektroingenieure folgende Lehrveranstraltungen von H. Barkhausen [27]:

  • Elektrische Meßkunde
  • Theorie der Leitungen I und II
  • Elektronenröhren
  • Fernsprech- und Telegraphentechnik
  • Schwachstrompraktikum I und II.

Vier Jahre später, 1932/33 bietet H. Barkhausen folgende Vorlesungen, Übungen und Praktika an [28]:

  • Wechselstrom- und Schaltvorgänge I und II
  • Theorie elektrischer Fernleitungen
  • Elektronenröhren
  • Fernsprechtechnik und Elektroakustik
  • Drahtlose Telegraphie
  • Schwachstrompraktikum I und II.

Aus dem Institut für Schwachstromtechnik erschienen bis 1941 außer den bereits zitierten u.a. folgende Arbeiten zu akustischen Forschungsthemen [29]: 1929 Janovski, W.: Über die Hörbarkeit von Verzerrungen. 1930 Tröger, J.: Die Schallaufnahme durch das äußere Ohr. 1933 Steudel, U.: Über Empfindung und Messung der Lautstärke. 1935 Kluge, M. und Reissig, G.: Physikalische Grundlagen der funktionellen Gehörprüfung mit Stimmgabel und Audiometer.

Akustische Wellenleiter, Vierpole und Impedanzen wurden mit Hilfe der elektroakustischen Analogiebeziehungen in folgenden Arbeiten behandelt: 1930 Tischner, H.: Über die Fortpflanzung des Schalles in Röhren und die Untersuchung von schalldämpfenden Körpern. 1933 Kluge, M.: Das Problem der Dämpfung des Auspuffschalls von Kraftfahrzeugmotoren. 1934 Wüst, H.: Untersuchungen über akustische Vierpole. 1935 Martin, H.: Experimentelle Beiträge zum Dämpfungsproblem des Auspuffschalls. 1940 Harmans, J.: Messung von Schallschluckstoffen und deren Verwendung zur Dämpfung von Rohren.

Auf dem Gebiet der Elektroakustik sind u.a. folgende Arbeiten entstanden: 1927 Schubert, G.: Grundlagen zur Untersuchung an Mikrofonen. 1932 Hormann, E.: Zur Theorie der magnetischen Tonaufzeichnung. 1932 Kluge, M.: Frequenzgang und Plattenbeanspruchung von Tonabnehmern (für Schallplatten). 1935 Otto, R.: Das Rauschen in Kohlemikrofonen.

Ende der zwanziger Jahre entwickelten sich auf dem Gebiet der Schwachstromtechnik - in heutiger Terminologie als Informationstechnik bezeichnet - eine Reihe von Teilgebieten, die eine breite technische Nutzung und rasche industrielle Umsetzung erfuhren, z.B. Rundfunktechnik, Schallspeichertechnik, Bildübertragung (statischer Bilder), Elektroakustik, Elektromedizin, Regelungs- und Steuerungstechnik, elektrische Feinwerk-Technik. Die Ingenieurausbildung mußte an diese neuen Spezialgebiete angeglichen werden.

H. Barkhausen erkannte weitblickend diese Entwicklung, erweiterte seine eignen Lehrveranstaltungen entsprechend und bemühte sich auch um die Einführung neuer Lehrveranstaltungen.

Für deren Übernahme konnte er seinen früheren Schüler Martin Kluge gewinnen. M. Kluge hatte an der Technischen Hochschule Dresden Elektrotechnik studiert, 1928 seine Diplomarbeit bei H. Barkhausen angefertigt und war anschließend ein Jahr bei Siemens & Halske tätig. 1929 begann er seine Assistententätigkeit bei H. Barkhausen, promovierte 1932 mit Untersuchungen über den Frequenzgang und die Schallplattenbeanspruchung von Tonabnehmern. 1933 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die Dämpfung des Auspuffschalls von Kraftfahrzeugmotoren [30].

Darin modelliert er den Auspuffschalldämpfer als akustischen Wellenleiter mit Tiefpaßübertragungsverhalten: Der Gleichanteil der Strömung muß möglichst ungehindert durchgelassen, alle höherfrequenten Anteile (Schall) sollen herausgefiltert werden. Die Einzelelemente des Systems bestehen aus Helmholtz-Resonatoren, die zur Dämpfung eines breiten Frequenzbereichs so bemessen werden, daß der Durchlaßbereich eines Resonators durch die Sperrbereiche der anderen verdeckt wird. Zur Lösung der Aufgabe benutzt M.Kluge die elektroakustische Analogie und die Rechenmethoden der Elektrotechnik.

H. Barkhausen betrachtete M. Kluge als einen seiner besten Schüler und versuchte, ihn auf eine Hochschullehrerlaufbahn an der Technischen Hochschule Dresden vorzubereiten [31]. 1933 bis 1935 hielt M. Kluge (als Privatdozent) im Institut für Schwachstromtechnik die Vorlesungen Vierpoltheorie, Elektrische Meßmethoden für schnelle Vorgänge, Technische Akustik, Telegrafie und Bildübertragung.

1935 bemühte sich H. Barkhausen, für M. Kluge eine Berufung zum außerordentlichen Professor für "Fernsprechanlagen und technische Akustik" zu erwirken. Dieser Antrag wurde abgelehnt, vor allem wegen der distanzierten Haltung von M. Kluge gegenüber dem nationalsozialistischen Regime [1] [31]. M. Kluge übernahm ab 1936 leitende Tätigkeiten in verschiedenen Firmen der elektrotechnischen Industrie. - 1981 verlieh ihm die Fakultät Elektrotechnik-Elektronik der Technischen Universität Dresden die Würde Dr.-Ing. ehrenhalber. Der Festakt fand im Rahmen der Barkhausen-Ehrung anläßlich der 100. Wiederkehr des Geburtstages von H. Barkhausen am 2. 12. 1981 statt.

Gründung des Instituts für Fernmeldeanlagen und technische Akustik 1938 durch W. Wolman

Unabhängig vom Aufbau des Instituts für Schwachstromtechnik gab es an der Technischen Hochschule Dresden bereits vor dessen Gründung seit 1905 das Institut für Telegraphie und Signalwesen. Es diente vorwiegend der Ausbildung von Ingenieuren für das Post- und Eisenbahnwesen. Die Wurzeln dieses Instituts reichen zurück in das Jahr 1876. Damals wurde die Professur für theoretische und praktische Telegraphie errichtet, die bis 1880 Eduard Zetzsche innehatte. Ab 1883 übernahm diese Professur Richard Ulbricht, unter seiner Leitung entstand daraus 1890 die Sammlung für Telegraphie und Signalwesen, von 1905 bis 1910 das Institut für Telegraphie und Signalwesen.

Nach der Emeritierung von R.Ulbricht (1910) wurde Heinrich Möllering zunächst als Dozent, später (1916) als Honorarprofessor berufen und mit der Leitung des Instituts für Telegraphie und Eisenbahnsignalwesen betraut. Als H. Möllering 1935 emeritiert wurde, blieb das Lehrgebiet vernachlässigt. Nur Teile davon konnten von H. Barkhausen zusätzlich zu seinen eignen Lehrveranstaltungen übernommen werden. Die für 1935 beabsichtigte Berufung von M. Kluge war, wie erwähnt, abgelehnt worden.

Schließlich wurde 1938 Walter Wolman als außerordentlicher Professor berufen und zum Direktor des Instituts für Fernmeldeanlagen und technische Akustik ernannt. Er baute das Institut neu auf und übernahm ab Wintersemester 1938/39 die Lehrveranstaltungen Fernmeldetechnische Anlagen I und II, Elektroakustik, Technische Akustik, Elektrische Filter. Dadurch konnte er H.Barkhausen etwas entlasten. W. Wolman baute seine Lehrveranstaltungen zur Technischen Akustik und Elektroakustik so weit als möglich auf den Analogiebeziehungen zu elektrischen Netzwerken und Systemen auf.

Von H. Barkhausen übernahm er die Betreuung des Doktoranden Jan Harmans, der 1939 seine Dissertation "Messung von Schallschluckstoffen und deren Verwendung zur Dämpfung von Rohren" erfolgreich abschloß. Weitere umfangreiche Arbeiten zu akustischen Themen waren für W. Wolman nicht mehr möglich. Im zweiten Weltkrieg traten kriegsbedingte Einschränkungen des Lehrbetriebs in Kraft. W. Wolman wurde mit umfangreichen Forschungsarbeiten für das Raketenwaffen-Entwicklungsprojekt Peenemünde verpflichtet und entwickelte ein elektronisches Bahn-Vermessungssystem für Flugkörper nach dem Dopplerprinzip [32]. Nach dem zweiten Weltkrieg war er an der Technischen Hochschule Stuttgart als Hochschullehrer tätig.

Im Jahr 1940 erfolgte an der Technischen Hochschule Dresden eine Neugliederung der bisher bestehenden sieben Abteilungen in vier Fakultäten. Die Fakultät für Maschinenwesen bestand seitdem aus den Abteilungen für Maschinenbau und für Elektrotechnik.

1945 wurden Dresdens Innenstadt und große Teile der Technischen Hochschule durch anglo-amerikanische Luftangriffe zerstört. Das Gelände der Hochschule wurde zu 85 % zerstört, der Hochschulbetrieb eingestellt.

Wiederaufbau nach 1946 und Gründung neuer Institute

Am 1. 10. 1946 konnte die Technische Hochschule Dresden wiedereröffnet werden. Obwohl die elektrotechnischen Institute nahezu vollständig vernichtet waren, gelang es, an die wissenschaftlichen Traditionen anzuknüpfen und den Lehrbetrieb in bescheidenem Umfang wieder aufzunehmen. Die beiden Professoren L. Binder und H. Barkhausen (beide 65 Jahre alt) unterstützten tatkräftig den Wiederaufbau und boten erneut Lehrveranstaltungen an.

Es gab an der Technischen Hochschule Dresden zunächst drei Fakultäten. Zur Fakultät für Kommunale Wirtschaft gehörte die Abteilung Elektrotechnik mit den Studienrichtungen Starkstromtechnik und Schwachstromtechnik. H. Barkhausen leitete weiterhin (bis 1953) das Institut für Schwachstromtechnik. Der Wiederaufbau und die Neueinrichtung zahlreicher Institute, Hörsäle und Studentenwohnheime begannen bereits nach der Wiedereröffnung der Technischen Hochschule und wurden in den folgenden Jahrzehnten mit erheblichen finanziellen und materiellen Aufwendungen weitergeführt.

1950 wurden an der Technischen Hochschule Dresden acht Fakultäten, darunter die Fakultät für Maschinenwesen und Elektrotechnik gegründet. Zu den drei vorhandenen Instituten - dem Institut für Allgemeine Elektrotechnik (H. Schönfeld), dem Institut für Starkstrom- und Hochspannungstechnik (L. Binder) und dem Institut für Schwachstromtechnik (H. Barkhausen) - kamen im gleichen Jahr zwei Neugründungen hinzu:

  • Institut für Hochfrequenztechnik und Elektronenröhren (Hans Frühauf),
  • Institut für Elektro- und Bauakustik. Walter Reichardt wurde für dieses Fachgebiet berufen und mit der Leitung des Instituts beauftragt.

Damit gibt es für die Technische Akustik ein eigenständiges Institut, das sich im Laufe der folgenden Jahre zu einer angesehenen Lehr- und Forschungsstätte entwickelt. Darüber soll in einem weiteren Beitrag später berichtet werden.

Literatur

[ 1] Barkhausen-Ehrung der Akademie d. Wissenschaften d. DDR und der Techn. Universität Dresden 1981. Festschrift. Zus.gest. von K. Lunze. Dresden: Techn. Univ. 1982.
[ 2] Barkhausen, H. und Lichte, H.: Quantitative Unterwasserschallversuche. In: Annalen d. Physik, Leipzig, Folge 4, 62 (1920), Nr. 14, S. 485 - 516.
[ 3] Barkhausen, H.: Neuere Versuche und Anwendung des Schalles unter Wasser und in Luft. Auszug aus einem Experimentalvortrag am 20. 11. 1920 im Dresdner Elektrotechnischen Verein. In: Verbandsmitteilungen. - Dresden (1920), Sonderdruck, S. 1 - 15.
[ 4] Barkhausen, H.: Elektromagnetischer Unterwasser-Schallsender. In: Elektrotechn. Zeitschr., Berlin 42 (1921) Nr. 33, S. 914 - 917.
[ 5] (Barkhausen, H.:) Die Vakuumröhre in der drahtlosen Telegraphie. 1. Teil. Berlin: Reichs-Marine-Amt, 1918. D.E. Nr. 493.
[ 6] (Barkhausen, H.:) Die Vakuumröhre in der drahtlosen Telegraphie. 2. Teil. Berlin: Reichs-Marine-Amt, 1918. D.E. Nr. 493.
[ 7] Barkhausen, H.: Die Vakuumröhre und ihre technischen Anwendungen. In: Jahrbuch d. drahtlosen Telegraphie u. Telephonie. Berlin 14 (1919) H. 1, S. 27 -47; 16 (1920) H. 2, S. 82 - 114; 18 (1921) H. 6, S. 402 - 419
[ 8] Barkhausen, H. und Kurz, Karl: Die kürzesten, mit Vakuumröhren herstellbaren Wellen. In: Physikal. Zeitschr., Leipzig 21 (1920) H. 1, S. 1 -6.
[ 9] Barkhausen, H.: Zwei mit Hilfe der neuen Verstärker entdeckte Erscheinungen. In. Physikal. Zeitschr., Leipzig 20 (1919) H. 17, S. 401 -403.
[10] Barkhausen, H. Zur Geschichte des Magneteffektes. Vortrag beim Richtfest des Laborgebäudes für das Forschungsinstitut für magnetische Werkstoffe, Jena (1952). Typoskript mit handschriftl. Ergänzungen. Dresden: Techn. Univ., Fakultät Elektrotechnik, Barkhausen-Archiv.
[11] Barkhausen, H.: Die Geschwindigkeit des Umklappens der Molekularmagnetverbände. In: Zeitschr. f. techn. Physik, Leipzig 5 (1924) H. 11, S. 518 -519.
[12] Barkhausen, H.: Das Institut für Schwachstromtechnik an der Technischen Hochschule zu Dresden. Dresden (1918). Broschüre.
[13] Barkhausen, H.: Das Institut für Schwachstromtechnik an der Technischen Hochschule zu Dresden. In: Elektrotechn. Zeitschr., Berlin 40 (1919) H. 8 S. 81 -82.
[14] Barkhausen, H.: Ein Demonstrationsmodell für Wellenvorgänge. In: Physikal. Zeitschr., Leipzig 14 (1913), H 14, S. 620 -622.
[15] Barkhausen, H.: Das Problem der Schwingungserzeugung mit besonderer Berücksichtigung schneller elektrischer Schwingungen. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde. Göttingen: Georg-August-Univ., Philosph. Fakultät, Diss. 1906. - Als Buch erschienen in Leipzig: August Pries, 1907.
[16] Barkhausen, H.: Schwingende Bewegungen. - Schwingende Systeme. - Schwingungserregung. -In: Handwörterbuch d. Naturwissenschaften. Bd. 8. Jena: G. Fischer, 1913. S. 1013 - 1030; S. 1030 - 1050; S. 1145 - 1154.
[17] Barkhausen, H.: Einführung in die Schwingungslehre nebst Anwendungen auf mechanische und elektrische Schwingungen. 1. Aufl. - Leipzig: S. Hirzel, 1932. - Weitere Auflagen bis zur 6., 1958.
[18] Barkhausen, H.: Ein neuer Schallmesser für die Praxis. In: Zeitschr. f. techn. Physik, Leipzig 7 (1926) H. 12, S. 599 -601.
[19] Barkhausen, H.: Ein neuer Schallmesser für die Praxis. In: Zeitschr. d. Vereins Deutscher Ingenieure, Berlin 71 (1927) H. 42, S. 1471 - 1474.
[20] Barkhausen, H., Tischner H.: Die Lautstärke von zusammengesetzten Tönen und Geräuschen. In: Zeitschr. f. techn. Physik, Leipzig 8 (1927), H. 6, S. 215 - 221.
[21] Norm DIN 1318 Sept. 1970. Lautstärkepegel: Begriffe; Meßverfahren.
[22] Norm DIN 5493 Okt. 1982. Logarithmische Größenverhältnisse: Maße, Pegel in Neper und Dezibel.
[23] Patentschrift 445415 DR (Klasse 42g, Gruppe 1/01). Akustische Vergleichsvorrichtung. H. Barkhausen, Dresden. - Anm.T. 19. 12. 1925.- Ausg.T. 10. 06. 1927.
[24] Ein Geräuschmesser für die Praxis (Phonometer) nach Barkhausen. - Gerätebeschreibung. Berlin: Siemens & Halske A.G., Wernerwerk. (1927). - Techn. Univ. Dresden, Fakultät Elektrotechnik, Barkhausen-Archiv.
[25] Janovski, W.: Vom "Barkhausen-Phon" zur DIN-Lautstärke. In: Hochfrequenztechnik u. Elektroakustik, Leipzig 58 (1941), S. 118 -120.
[26] Reichardt, W.: Bewertung von Schall - von H.Barkhausen bis zur Gegenwart. In: [1, S. 81 - 96].
[27] Technische Hochschule Dresden. Personal- u. Vorlesungsverzeichnis 1928/29. Techn. Univ. Dresden, Universitätsarchiv.
[28] Technische Hochschule Dresden. Personal- u. Vorlesungsverzeichnis 1932/33. Techn. Univ. Dresden, Universitätsarchiv.
[29] Kluge, M.: H. Barkhausens Beiträge zur akustischen Forschung. In: Akustische Zeitschr., Leipzig 6 (1941) H. 6, S. 313 - 318.
[30] Kluge, M.: Problem der Dämpfung des Auspuffschalles der Kraftfahrzeugmotoren. In: Automobiltechn. Zeitschr., Berlin 36 (1933) H. 7, S. 192 - 196; H. 9, S. 244 -249.
[31] Krocker, E.: Laudatio für Dr.-Ing.habil. Martin Kluge anläßlich der Verleihung der Würde Dr.-Ing. ehrenhalber. 2. 12. 1981. In: Wiss. Zeitschr. Techn. Univ. Dresden, Separatreihe 4: Elektrotechnik-Elektronik (1982) Nr. 11, S. 17.
[32] Wolman, W.: Persönliche Mitteilung an den Verfasser (27. 05. 1997).
[33] Barkhausen, H. u. Lewicki, G.: Die Empfindlichkeit des Ohres für nicht sinusförmige Töne. Physikal. Zeitschr., Leipzig 25 (1924) H. 21, S. 537-541

Stand: 07.07.2009 05:22
Autor: IAS